André Casal Kulzer im Gespräch mit Dr. Susanne Roeder über die Mobilität von übermorgen

Der Neue im Professorentrio am FKFS trägt den geänderten Titel Professor für Fahrzeugantriebssysteme ab dem 01.10.2022 statt wie bisher Fahrzeugantriebe. Das ist Ausdruck dafür, dass es schon jetzt und auch in Zukunft vielerlei Mobilitätsantriebe zu erforschen und anzubieten gilt.

Es werde nicht mehr den einen Antrieb geben, sagt der promovierte Diplom-Ingenieur André Kulzer, seit diesem Jahr einer des Professorentrios am FKFS (Forschungsinstitut für Kraftfahrwesen und Fahrzeugmotoren Stuttgart) und dort auch Vorstandsmitglied. Davor war er bei der Porsche AG und unter anderem für Antriebskonzepte in der Vorentwicklung verantwortlich.

Prof Andre Casal Kulzer

©Laessig

Herr Kulzer, Sie waren 20 Jahre lang in der Industrie tätig, nun sind Sie Professor am FKFS. Wo sehen Sie in einer Zeit im Umbruch Ihre Themenschwerpunkte?

Der Nachwuchs liegt mir am Herzen. Durch die enge Verknüpfung beider Stuttgarter Institute <Institut für Fahrzeugtechnik Stuttgart und FKFS, Anm. der Redaktion> liegt es nahe, für die kommenden Berufstätigen ein besseres Sprungbrett vorzubereiten. Also, dass sie nicht nur im Akademischen an der Universität Stuttgart ihre Ausbildung machen, sondern im Rahmen einer Nebentätigkeit am FKFS zudem die Möglichkeit haben, Industrieprojekte zu bearbeiten und somit bessere Startchancen für eine Laufbahn zum Beispiel in der Industrie haben.

Also raus aus den reinen Elfenbeintürmen, rein in die Bedürfnisse der Industrie und letztlich deren Kunden?

So kann man es sagen.

Ein weiterer Schwerpunkt meiner neuen Tätigkeit ist mir auch sehr wichtig: Dabei zu helfen, das FKFS für die Zukunft robuster zu machen. Damit ist die Stärkung seines Charakters als Allrounder gemeint. Wir sind ja drei Professoren und können ein Fahrzeug fast zu 100 Prozent komplett entwickeln. Ich bin dabei für die Fahrzeugantriebssysteme im Besonderen zuständig.

Was ändert sich mit Ihnen als Lehrstuhlinhaber?

Es geht noch mehr um das Thema Elektromobilität, Elektrifizierung und Wirkungsrad des Gesamtantriebsstrangs, aber insbesondere auch seine Nachhaltigkeit. Wegen der vordergründigen Nachhaltigkeitsanforderungen können wir definitiv nicht mehr ausschließlich auf eine Lösung, also nicht mehr nur auf den Verbrenner oder nur auf den Elektroantrieb setzen. Das wird es nicht mehr sein.
Wir müssen bewusster vom E-Bike bis zum Motorsport unterschiedliche Lösungen anbieten können. Von kompakten, drehmomentstarken Elektromotoren bis zu mit E-Fuels CO2-neutral betriebenen Motorsportthemen. Diese Lösungen müssen wir gerade auch angesichts der Nachhaltigkeit für die Umwelt global betrachtet viel differenzierter angehen.

Was heißt das konkret?

Lassen Sie es mich so beschreiben: Bisher haben wir genommen, was die Natur uns zur Verfügung gestellt hat. Ohne uns zu fragen, was unsere Verantwortung für die nächsten Generationen ist – siehe UN Charta. Das geht nicht mehr.

Kurzum: ‚Das ist die eierlegende Wollmilchsau und der Kunde wird das Produkt annehmen.‘ Dieses Prinzip funktioniert nicht mehr. Nein. Wir müssen differenzierter für die Umwelt, aber auch insbesondere für den Kunden eine jeweilige Antriebslösung anbieten. Wenn sich jemand hinstellt und sagt: ich biete den Kunden nur eine Lösung. Dann sage ich: Das ist schön – aber es ist doch nur ein Bruchteil dessen, was Mobilität bedeutet.

Porsche, wo ich zehn Jahre lang war, ist eine der Marken, die da – neben Toyota und BMW (Anm. Redaktion) – schon länger offen und differenzierter kommunizieren im Sinne der Diversität. Man muss sich wirklich mit dem gesamtumfassenden Begriff Mobilität befassen, der so viele Aspekte beinhaltet. „Und ein E-Fahrzeug ist nur ein Aspekt in der gesamten Betrachtung.“ Extremst spannend und eine super Sache. Aber nochmal: es ist ein wichtiger Baustein unter vielen. Das wissen alle, die sich fachlich mit dem Thema Cradle-to-Grave oder Lebenszyklusbilanz beschäftigen. Das E-Fahrzeug ist sehr wichtig, aber allein wird es uns nicht weltweit helfen. Wir müssen alle Lösungen heranziehen.