Was für ein Jahr! Eine Aussage, die in den letzten Jahrzehnten für jedes abgelaufene Jahr gegolten hat. Und doch: 2021 hatte es in sich. Ein Auf und Ab in Sachen Corona. Eine Jahrhundert-Flut in Teilen von Rheinland-Pfalz und NRW. Und ein Wahlkampf, der an die diesjährige Formel 1 erinnert: Das Ende blieb bis zuletzt offen.

Das macht viele unsicher. Gewissheiten verschwinden, jahrelang Vertrautes hat plötzlich keine Gültigkeit mehr.

In unserem automobilen Kosmos hat das Ende der Frankfurter IAA symbolischen Charakter. Das traditionelle Hochamt der Automobilindustrie hat seinen Namen zwar behalten, Ort und Inhalt haben sich aber radikal verändert. Eine Zeitenwende – ohne Frage.

Während die Politik sich in einer Dauerschleife von Ankündigung, Versprechen und Zumutungen ergeht, mangelnde Digitalisierung, soziales und ökologisches Klima adressiert, sieht sich die Autoindustrie mit zuvor nie da gewesen Herausforderungen konfrontiert.

Die Anforderungen in Sachen Umwelt würden allein schon ausreichen, um die deutsche Schlüsselindustrie ins Mark zu treffen. Was in diesem Jahr hinzukam: Ein Virus, der die wirtschaftliche Lebensader ins Koma versetzte und im Anschluss daran ein Chip-Mangel, der die Produktion in Teilen lahmlegte und legt. Sicher - nicht ganz unverschuldet, weil Lieferketten selbst von Fachleuten nicht mehr so ganz durchschaut werden und die Abhängigkeit vielen erst jetzt bewußt wird.

Aber: Die Unternehmenslenker sind ganz schön auf Zack! Trotz all dieser Schwierigkeiten haben sie mit mutigen Entscheidungen, intelligenten Strategien und nachhaltigen Prozessen das Schlimmste verhindert. Mehr noch: Parallel zur alten Welt werden unter Hochdruck völlig neue Fahrzeug-Architekturen aufgelegt - für die schöne neue emissionsfreie Welt. Und was das Schönste ist: Die Autoindustrie verdient damit sogar noch Geld. Was dem Fiskus nicht ganz ungelegen kommt.

An der viel bescholtenen Automobilindustrie liegt es also diesmal nicht, das richtige Angebot zur richtigen Zeit zu machen. Die Marken bedienen alle Segmente, E-Autos sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen - zumindest in den Köpfen der Kaufinteressenten.

Kopfschmerzen bereiten denen aber nach wie vor die ungelösten Fragen: wo lade ich mein Auto auf? Wie weit komme ich mit einer Akkuladung? Und: Was bekomme ich für ein ausgedientes E-Auto, wenn ich ein Neues brauche?

Nicht jeder hat ein Einfamilienhaus mit angeschlossener Wallbox in der Garage. Auch für einem Tiefgaragenplatz für schlappe 25000 bis 35000 Euro in den deutschen Metropolen ist eine Wallbox nicht in Sicht oder gar Serie. Und was machen ganz konkret die Mieter zum Beispiel an der Bebelallee in Hamburg, in der Venloerstraße in Köln oder in der Kaiserstraße in Mainz?

Sie müssen an eine öffentliche Ladestation. Da teilen sich in Deutschland im Schnitt 21 E-Autos eine Zapfsäule, Anfang des Jahres waren es noch 17. E-Autos wurden mehr, der Aufbau der Ladesäulen hielt aber nicht Schritt. Derzeit kommen 250 pro Woche hinzu. Um aber die avisierten 15 Millionen E-Autos im Jahr 2030 bei Laune zu halten, bedarf es 2000 Neuinstallationen – pro Woche! Dann teilen sich in acht Jahren immer noch 15 Fahrzeuge eine öffentliche Ladestation.

Die neuen Minister*in für Verkehr, Umwelt und Bauen haben also viel zu tun.

Vielleicht können sie sich einmal coachen und informieren lassen von unseren Unternehmenslenkern. Die trotz dieser Krisen ihre großen Tanker durch eine aufgewühlte See steuern - gleichzeitig aber für die Zukunft vorsorgen. Und die heißt: (Noch) mehr Fortschritt wagen. Denn Fortschrittwagen bauen derzeit noch nicht Volkswagen & Co. Sondern China. Die Marke GAC – hierzulande nahezu unbekannt – ist fast in allen Belangen – Batterietechnik, Vernetzung, autonomes Fahren – zu einem der führenden Herstellern gereift. GAC steht für die Guangzhou Automobile Group, Aion ist eine der vollelektrischen Submarken des Konzerns.

Dennoch: Nach Erhebungen des weltweit agierenden Marktforschungs-Unternehmens AITASTIC AG haben die deutschen Autohersteller bei den Zukunftsthemen wie Connectivity massiv aufgeholt und sind an die Spitze vorgerückt. By the way: Dazu bedurfte es im übrigen keiner Aktivisten, sondern Aktivitäten schlauer und gut ausgebildeter Ingenieure in den Entwicklungsabteilungen der großen Unternehmen. „Wettbewerb“ heißt in diesem Zusammenhang das Zauberwort und der unbedingte Wille, das Leben der Menschen mit attraktiven Angeboten besser zu machen.

Wenn sich angesichts eines lahmen Infrastrukturprogramms in Sachen Ladestationen hierzulande E-Autos als Ladenhüter erweisen, wird das Innovationstempo der Hersteller abgebremst. Das oft apostrophierte Vorbild Deutschland, dem alle anderen folgen werden, bleibt ein Zerrbild, solange Wirtschaft und Politik nicht eng zusammenarbeiten, schnell entscheiden und die Kraft (und den Strom) auf die Straße bringen.