Von einem, der auszog...

Wenn die Welt eine Scheibe wäre – hier säßen wir an der Kante,“ meinte ein Bekannter, bevor der hier schreibende MPCler seine Zelte vor Ort auf La Palma aufschlug. Der Eindruck, den dieser deutscher Auswanderer formulierte, ist trotz der „Entdeckung“ Amerikas bis heute nicht ganz von der Hand zu weisen. Tatsächlich waren die kanarischen Inseln lange der westlichste bekannte Teil der Welt, gehört aber heute zu Europa und ist Teil von Spanien. Immobilienmakler betonen gelegentlich, das nächste Atomkraftwerk sei mehr als 1600 Kilometer entfernt.

Von der iberischen Halbinsel kann das Archipel mit dem Auto (Motorrad, Wohnmobil) via Fähre von Cadiz und Huelva aus erreicht werden. Ein Blick auf die spanische Automobilindustrie zeigt: Die renommierten spanischen Fahrzeughersteller Hispano-Suiza und Pegaso sind neben den dutzenden anderen, kleinen und weniger berühmten aktuell nicht aktiv. Allein die Marke Seat ist mit ihrem deutschen Eigentümer VW noch im Markt und prominent. Auf dem Weg vom Fiat-Lizenznehmer zu neuer Form hat Porsche wesentliche Leistungen erbracht und dem ersten Ibiza zu mehr als nur einer guten Motorisierung verholfen. Wenn nun aktuell Spanien, die Kanaren und Autos zusammen betracht werden, wundert eine große Präsenz von Seat-Automobilen nicht.

Das Inselarchipel der Kanaren liegt vor der afrikanischen Küste. In der beliebten Touristenregion sind vor allem Teneriffa, Gran Canaria, Lanzarote und Fuerteventura als die vier größten Inseln bekannt. El Hierro, La Gomera, La Graciosa und La Palma schon weniger. Zuletzt hatte aber La Palma weltweit für Ausehen gesorgt, weil dort ein Vulkan in der Südhälfte, dem Gebiet der Cumbre Vieja, ausbrach und unter heftigem akustischen Gerumpel und zahlreichen Erdstößen rund drei Monate Rauch, Asche, Feuer spie. Ein kleiner Prozentsatz der Inseloberfläche ist seither teilweise bis zu 50 Meter dick mit Lava bedeckt, weitere Teile bekamen großzügig feine schwarze Asche ab. Längst wird nach dem offiziellen Ende des Ausbruchs am 25. Dezember 2021 an der Beseitung der Schäden fleißig gearbeitet. Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren sind dabei unersetzliche Helfer.

Trotz der günstigen klimatischen Bedingungen mit über 300 Sonnentagen im Jahr spielen Elektroautos im Straßenverkehr von La Palma bisher eine untergeordnete Rolle. Zwar werden immer mehr Ladestationen eingerichtet, aber vor allem Dieseltriebwerke sichern die reibungslose Abwicklung von Transportleistungen. So kommt auch der Großteil des Stroms für die Insel aus einem Schwerölkraftwerk. Vereinzelte Windräder wirken wie ein Alibi, aber das Umdenken hat langsam begonnen. Die Realität im Verkehr zeigt: Kleine Autos sind aus guten Grüden auf den schmalen, kurvigen Straßen häufiger anzutreffen. Aber auch 7er-BMW vom Typ E 32 und Mercedes S-Klasse W 126, beide in den 1980er-Jahren auf den Markt gekommen, werden gefahren. Unter den Alltagsfahrzeugen haben Pickups oder mindestens Allradler, die an den teilweise schroffen Steigungen nicht selten dicke schwarze Rauchwolken mit dem Prädikat „schwarze Plakette“ ausstoßen, eine große Präsenz. Daneben ist auch eine erstaunlich große, lebendige Oldtimer-Szene zu beobachten.

Es gibt beispielsweise den Club de Automóvil Antiguos El Paso, der regelmäßig öffentliche Veranstaltungen durchführt. Denn neben den zahlreichen Fahrzeugen im Alter von 30 und etwas mehr Jahren gibt es auch viele deutlich ältere Wagen für den aufmerksamen Beobachter praktisch hinter jeder Biegung zu entdecken. So überrascht es wenig, dass selbst im offiziellen Einsatz, etwa des Rathauses von Puntagorda im Nordwesten der Insel, klassische Renault 4 neben Nissan Patrol und Terrano der ersten Serie im Alltagseinsatz benutzt werden. Viele Kilometer kriegen sie nicht ab, denn von hier bis zur Inselhauptstadt Santa Cruz sind es gerade einmal rund 80 Kilometer. Die sind zwar so anspruchsvoll wie die entsprechenden Kilometer auf der Nürburgring-Nordschleife, aufgrund tiefer Gräben neben der Straße, jederzeit möglichen Erdrutschen und Steinschlägen aber sogar gefährlicher.

Neben den Fahrzeugen der spanischen Marke Seat scheinen Citroen, Peugeot und Renault einen hohen Marktanteil zu haben. Die Japaner, vor allem Toyota, Nissan und Mitsubishi liegen gut im Rennen, wie auch Isuzu zu finden sind. Selbst Nissan-Vorgänger der Marke Datsun befinden sich im Einsatz. Daneben scheint auch Opel beliebt zu sein. Typisch für das Kaufverhalten in einem südeuropäischen Land ist die Verbreitung von in Deutschland eher unbeliebten Stufenheck-Limousinen, etwa der Corsa TR oder Seat Cordoba und Polo Classic. Wie beschrieben ist die Dichte an Autos im Alter von 30 und etwas mehr Jahren deutlich höher als in Deutschland.

Aber selbst die nochmals zehn Jahre älteren Wagen werden hier noch im Alltag eingesetzt, beispielsweise der legendäre VW Käfer. Zwar gibt es auf dem 2426 Meter hohen Gipfel des Roque de los Muchachos und den Höhenzügen gelegentlich Eis und Schnee (sowie einen Parkplatz!), aber allgemein wird natürlich auf Rost förderndes Streusalz verzichtet, Regen ist rar. Probleme macht da eher das UV-Licht der intensiven Sonneneinstrahlung im geographisch auf der Höhe Südmarokkos liegenden Insel. Die gnadenlosen Strahlen zerstören die einst schöne Beschichtung schneller, als es einem Liebhaber recht sein kann. Der längst als Klassiker etablierte Mercedes W 123 gehört dennoch ebenso wie frühe 3er-BMW oder Volkswagen Transporter T2 zum Straßenbild.

Das geschärfte Auge entdeckt aber durchaus noch ältere Wagen, auch wenn die Kamera dann nicht unbedingt immer sofort einsatzbereit ist: etwa Peugeot 203, Mercedes 180 Ponton, S-Klasse W 108, Citroen DS, Ford Thunderbird, Triumph Spitfire. Genau hinzuschauen erfordert die Erscheinung eines Land Rover – hier prangt nicht selten der Schriftzug „Santana“ am Wagen – wie die frühen Seat eine Fiat-Lizenz hatten, wurde das englische Original auch auf der iberischen Halbinsel gefertigt und fand nicht selten den Weg auf die Inseln im Atlantik. Als Diesel, Allradler und Pickup gehören sie selbstverständlich zum Alltag, der sich nicht nur damit deutlich vom deutschen unterscheidet.