Schwanengesang auf die Alpine A110 GTS?

Die letzte ihrer Art

Ein runder Geburtstag stand letztes Jahr an: Die Ikone von Renault Alpine, die A110, wurde 70. Sie gewann die Rallye Monte-Carlo im Jahr 1971 und war auch sonst sehr sportlich unterwegs. Sobald es hügelig und kurvenreich zuging, war und ist der kleine Leichtbausportwagen in seinem Element. Und doch waren zwei Generationen und 70 Jahre Alpine für die Renault Group gleichzeitig der glänzende v Schlusspunkt ihrer Existenz als Verbrenner. Unterdessen ist sie als Alpine A110EV in Goodwood zu sehen – als rein elektrischer Prototyp für die Zukunft.

Ausschließlich rein elektrisch? Sind damit nicht schon etliche Sportwagen krachend gescheitert? Man denke nur an den Ladenhüter Porsche Taycan. Und die Formel E – auch sie hat nie an die glorreichen Zeiten der Formel 1 anknüpfen können. Insofern bleibt zu hoffen, dass die Renault Group sich speziell für die Fans der Verbrenner-Alpine eine Tür offenhält, um statt der E-Maschine wahlweise wieder einen Verbrenner als Mittelmotor anzuflanschen. Das sei recht einfach, hörten wir aus berufenem Alpine Munde.

Es gibt also begründete Hoffnung, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Gerade bei einem Klassiker, der weiterhin ein Nischenprodukt bleiben und somit vergleichsweise kleine Produktionszahlen verursachen dürfte. Was die CO2-Bilanz insgesamt nur geringfügig verschlechtern würde.

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A wie Alacrité oder Agilität mit Verve

Wir durften die zweite Generation der neu aufgelegten Legende bewegen. Schon beim Betrachten zauberte die Alpine A110 GTS ein seliges Lächeln in unser Gesicht. Munter ging’s wenig später los an den Bodensee. Ein wahrhaftiges Aphrodisiakum.

Die Alpine oder einfach A110 GTS als Remake des legendären Renault Alpine war erstmals beim Genfer Automobilsalon 2017 zu bestaunen. Damals noch in einem gläsernen Showcase. Die Neuinterpretation des Mittelmotor-Zweisitzers aus den 1960er bis 1970er Jahren darf als erfolgreich gelten. In nur 4,2 Sekunden katapultiert sich unsere Alpine von 0 auf 100 km/h und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 260 km/h. Das ist nicht furchtbar viel, reicht aber für die Straßen dieser Welt. Zumal die wahre Wohlfühlstrecke – daher der Name Alpine – in kurvenreichen Bergstrecken liegt.

Kein rotes Telefon, um Weltpolitik zu betreiben, dafür aber zwei rote Knöpfe für sportives Fahren hat die A110 GTS. Der auf der schwebenden Cockpit-Mittelkonsole ist der Starter-Knopf, der den röchelnden Vierzylinder zum Leben erweckt. Der zweite aber ist der, der für einen weiteren Kick sorgt und so richtig Freude macht. Dieser Knopf ist in die rechte Lenkradspeiche etwa auf der Position 4 Uhr integriert, um mit dem rechten Daumen gedrückt zu werden und lässt uns bei Bedarf von Normal in den Sportmodus wechseln. Bei längerem Drücken könnten wir auf dem Nürburgring unsere Runden in den Asphalt nageln. Der Sound wird noch kerniger, ebenso das Fahrgefühl.

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Lightning Flash

Mit einem solchen Lightning Flash oder Blitz schlug die Alpine bei uns ein. Oder doch als Ballroom Blitz, der Hit der britischen Rockgruppe The Sweet aus dem Jahr 1973. Auf alle Fälle erstrahlte die Alpine von Anfang an wie ein Blitzlicht, ein Freuden-Blitz.

Dabei begnügt sich der behende Racer mit vier Zylindern, genauer mit einem 1,8 Liter Vierzylinder Turbo mit 300 PS. Denn die Philosophie heißt nicht: immer mehr PS und mehr Zylinder. Die Maxime lautet: geringes Gewicht statt maximaler Leistung. Es ist ein moderner Gegenentwurf zu Boliden mit 500 PS und mehr.

Leer bringt die Leichtathletin gerade mal 1.108 Kilogramm auf die Waage. Möglich machen das Aluminium-Chassis und -Karosserie. Bei 300 PS unserer Alpine bedeutet das 3,69 Kilos pro PS. Das ist ein klasse Wert, der die Alpine zum flinken Fuchs macht, der den anderen Pkw gerne mal zeigt, was eine Harke ist. Denn das genau ist ihr Ding: Mit ihrer äußerst flachen Karosse und zierlichen Erscheinung kokettiert die Französin gerne und vor allem damit, unterschätzt zu werden.

Und klar, die A110 ist weiblich. Die internationale Rallye-Karriere von Michèle Mouton ist untrennbar mit ihr verbunden. Die beiden Französinnen fuhren etliche Siege ein.

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Rara Avis – Nr. 72 von 110

Limited Editions sind beliebt. Und die A110 GTS ist wahrlich ein seltener Vogel, ein rara avis unter Sportlern. Ganze 110 Exemplare der subtilen Französin wurden gebaut. Wir fuhren die Nummer 72. Schon die erste Generation, damals noch unter dem Namen Renault Alpine 110, war ein Sportwagen mit nicht mehr als 10.000 Exemplaren.

„Das Auto sieht man nie“, entfährt es dem Mechaniker meiner Freundin Elita. „Darf ich kommen?“ Klar darf er. Er bleibt nicht allein. Die gesamte Nachbarschaft läuft auf, um die flotte Französin zu bestaunen. Ihr Design findet einhelligen Zuspruch. Freilich, der Kofferraum sei nicht gerade üppig. Aber fürs Wochenende für zwei reicht es allemal.
Genügend Komfort im Innenraum gibt es auch. Leder, Carbon, Alcantara sind hier schick kombiniert. Außen sorgen Karbondetails für ein weiteres Je ne sais quoi. So das Carbondach für einen Aufpreis von 3500 Euro sowie Frontsplitter und Heckspoiler aus Carbon, Teil des Aero-Paket für zusätzliche 6360 Euro. Wenn man bedenkt, dass eine Hermès-Tasche aus Leder durchschnittlich 20.000 Euro kostet, wird die A110 GTS fast zum Schnäppchen. Doch beeile sich, wer eine ergattern möchte. In Deutschland sind insgesamt 2.263 Exemplare der A110 zugelassen. Stand Dezember 2026. Die GTS mit ihren 110 Exemplaren wurde nur ein Jahr lang gebaut (2025 bis Mitte 2026). Also nichts wie das Alpine Händlernetz durchsuchen. Da werden besagte Taschen, sei es eine Kelly oder eine Birkin, fast zur Massenware. Platz genug für das edle Stück Leder findet sich in der A110 GTS allemal.

Heißes Gerät und eisige Fitness

Alpine A110 GTS IMG 3778Wir zwei Frauen beschließen, mal wieder nach Lindau zu fahren. Bei Gluthitze. Ein Schattenparkplatz ist nicht zu finden. Um das gezogene Ticket zu fixieren, lege ich die Plastikscheibe auf das Ticket. Als wir zurückkommen, ist die Alpine nicht nur gewaltig aufgeheizt, die Parkscheibe gleicht einer ungewöhnlich aufgeblähten Skulptur. Also beide Türen auf, Fenster runter und beim Abfahren die Klimaanlage erst mal volle Pulle aufgedreht.

Es zieht uns zum Theatercafé, wo wir, mit Blick auf die Alpine, mühelos einen kühlenden gewaltigen Fitness-Eisbecher niederzwingen. Danach fahren wir kurz an den Jachthafen und danach auf die hintere Insel zu einer unserer Lieblingsgärtnereien. Auch hier werden wir immer wieder gefragt: „Was ist das für ein Auto?“

Jung und Alt sind gleichermaßen angetan, bisweilen begeistert, von unserem Fahrzeug. Zugegeben, es macht mich ein wenig stolz, und gerne doziere ich über die Geschichte der Alpine und dass dieses Exemplar eine limitierte Edition ist.

Stolz wie ein Pfau

Der Grundpreis von 79.350 Euro für die A110 GTS klingt absolut okay. Bei uns kommen einige Extras hinzu. Stolze 5.500 Euro Aufpreis für die zweifellos wunderbar passende Farbe Pfauenblau oder Bleu Paon ist ein Schluck über den Durst. Aber egal, dem seltenen Vogel steht sie einfach gut zu Gesicht. Eben ein stolzer Pfau.

Wie sie da satt steht und elegant aus dem Grünen hervorsticht, kostet sie mit allen Extras 101.805 Euro. Mit an Bord ist dabei auch die Titan Akrapovic Abgasanlage, die noch ein Extra an betörend kernigem Sounderlebnis mit sich bringt. Nicht zu vergessen die güldenen Brembo Bremssättel (420 Euro).

Elektrisch gefällt nicht jedem – Altmeister Walter Röhrl

Mit französischem Schick, Charme und Speed also geradewegs ins Elektrozeitalter? Selbst auf die Gefahr hin, als Ewig-Gestrige gebrandmarkt zu werden, wir halten es mit der Rallye-Legende und dem viermaligen Sieger eben jener prestigeträchtigen Rallye Monte Carlo Walter Röhrl. Der Porsche Markenbotschafter gilt als lebhafter Kritiker der alleinigen Richtung hin zur Elektromobilität.

Röhrl ist nicht nur Verfechter der Technologieoffenheit und für die Entwicklung aller möglichen Treibstoffe. „Wenn ich in ein Auto sitze und den Knopf drücke, dann will ich den Motor spüren, hören und wissen, dass ich im Rennen bin.“ Und weiter: „Ich werde nie sagen, dass das Elektroauto etwas Tolles ist.“ Jenseits des reinen Stadtverkehrs sieht der Regensburger das Elektroauto als „Irrweg“. Er wird auch in der jungen Generation nicht allein sein mit dieser Meinung. Das kann auch der Renault Group nicht verborgen bleiben. Am Ende des Tages sollen die Autos Käufer finden und da genügt nicht allein das zweifellos verführerische Design.

Fazit: Die A110 GTS ist ein klasse Sportwagen, um Spaß zu haben für einen erträglichen Preis. Der Spagat zwischen Alltagsauto und Rennflitzer ist gelungen, sieht man davon ab, dass der Einkauf im Großmarkt nicht funktionieren kann.
Aber das ist auch nicht das primäre Spielfeld des Sportwagens, made in Dieppe, Frankreich.

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Text und Bilder: Dr. Susanne Roeder